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Rote Schuhe bei der #glanderblogparade

Romane sind zu Lesen, Kochbücher zum Kochen da. Sollte man meinen.

Weit gefehlt, es gibt Stevan Paul und den Roman „Der große Glander“.

(Die #glanderblogparade gibt es hier zu sehen)

Und bevor ich jetzt selbst darüber ein Buch schreibe, was mir angesichts dessen, was mir im Großen Glander begegnet ist, kein Problem wäre, lasse ich Lydia etwas dazu sagen. Der Text ist  erschienen in der Schwäbischen Zeitung Friedrichshafen am 14. Dezember 2016:

„Was haben Kochen und Kunst gemeinsam? Dieser Frage ist Autor Stevan Paul in seinem Roman „Der große Glander“ nachgegangen. Am Dienstagabend hat er in kurzweiliger und amüsanter Weise den fiktiven „Eat-art-Künstler“ Gustav Glander im Gessler 1862 vorgestellt. Es gab nicht nur Amüsantes für die Ohren, sondern auch Schmackhaftes für den Gaumen.

Koch Thilo Kohler hat in Gesslers Küche vier der 60 Rezepte, die Stevan Paul in seinem Buch anspricht, gekocht. Es war aber nicht nur der Linsensalat mit Schwarzwurst und Apfel-Chutney, die Kürbiscremesuppe mit einer guten Note Ingwer, Chili und Koriander oder die Tarte mit Bergkäse und einer Haube aus karamellisierten Walnüssen und das Panna Cotta Dessert mit Schokolade, die Appetit machten. Und das gelesene Wort des Autors machte Hunger auf den Inhalt des Buchs.

Stevan Paul ist gelernter Koch und er sei „1995 erfolgreich aus dem Beruf geflohen“. Gelernt habe er im Waldhorn in Ravensburg, eine intensive und schöne Zeit, mit einem tollen Lehrherrn. Küche und was sich darin abspielt, spielt eine große Rolle in seinem und auch in dem Leben seines Protagonisten Gustav Glander, einem gebürtigen Allgäuer und international erfolgreichen Künstler, der sich in New York niederließ und eines Tages spurlos verschwand. Hier beginnt Stevan Paul seine Lesung, denn der Kunstkritiker Gerd Mönnighaus glaubt, den seit Jahren verschollenen Künstler in einem Hamburger Restaurant zu erkennen. Während er zart gebackene Jakobsmuscheln an seinen Gaumen drückt, die Würze des süß-sauren Preiselbeermousses auf der Zunge spürt und über butterschwitzende Garnelen grübelt, macht sich der vermeintliche „große Glander“ aus dem Staub und Gerd Mönnighaus ist ihm auf der Spur.

Der Roman spielt in New York, Hamburg, dem Allgäu und auch am Bodensee. Immer wieder baut Stevan Paul regionale Kulinaria in seine Geschichte ein. „Es ist ein Roman und kein Rezeptbuch, aber dennoch dürfen sie sich angeregt fühlen, die Rezepte nachzukochen“, fordert der Autor die Zuhörer auf. Er spielt in seinem Roman mit den Sinnen und versteht es, mit seinen Worten Bilder zu schaffen. Wenn beispielsweise die Papierserviette in Verbindung mit Mayonnaise zu einer homogen Masse verschmilzt, hat man das Bild von fettriefenden, viel zu dünnen Servietten vor Augen, deren Fasern an den Fingern kleben. Wenn der Koch an den frischen Gewürzen riecht, glaubt man die ätherischen Öle des Rosmarins in der Nase kitzeln zu spüren. Ein Roman mit viel Witz und Charme, aber auch ein kulinarischer Reiseführer. In jeder Hinsicht ein Appetitanreger.

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Und dann habe ich das Buch gelesen:

Meine Kochkarriere begann im Alter von 13 Jahren nach dem Roman „Es muss nicht immer Kaviar sein“. Ich kann mich noch heute an das Zitronensorbet erinnern, das ich aus diesem Buch nachkochte. Es war lecker und das Putzen des Backofens, in den sich das Sorbet ergossen hatte, weil ich nicht nur den Boden der Backform, sondern diese randvoll gemacht hatte, war anstrengend.

Danach kamen die Kochbücher, die Bücher, aus denen ich mir Anregungen, Hinweise, Lehrreiches, Ideen und all das hole, was ich so brauche. Ich male nicht nach Zahlen, also koche ich auch nicht nach Kochbuch – soll heißen, es gibt immer kleine Variationen.

Im „Glander“ treffen sich dann alle wieder. Der Künstler, den der Kunstmarkt nervt, der Koch, der Kunst auf dem Teller produziert und der Journalist, der unter dem Wahn der Online-Propheten leidet und versucht, den Verlagen klarzumachen, dass sich Online-Journalismus nicht automatisch einstellt, wenn man eine DSL-Leitung bucht. Da gehört noch mehr dazu, als sich hinzusetzen und in die Tasten zu hauen.

Und deswegen treffen sich hier die Roten Schuhe mit dem Gericht #7 „Duett von Bodensee-Felchen und Egli an salade mesclun mit Kerbel-Hollandaise“

Dazu die Textstelle im Roman:

Seite 32: »Unser Duett von Bodensee-Felchen und Egli an salade mesclunmit Kerbel-Hollandaise«, erklärte der älteste der Kellner, alle am Tisch klatschten. Der Salat war bitter und scharf, Gustav pickte die süßen Tomatenwürfel heraus, verteilte sie auf den buttrig-nussigen Fischfilets, auf denen die wolkenweichluftige Sauce langsam schmolz, es war das Beste, was er je gegessen hatte.

Probleme sind Lösungen, die auf dem Kopf stehen. Ich habe sie umgedreht.

Im Bodensee gibt es kaum noch Fische, vor allem keine Felchen. Mit meinen Fischern Anita Koops und Charly Liebsch aus Fischbach (absolut empfehlenswert), telefonierte ich am Montag, 22. Mai – vier Tage, später durch Verlängerung acht Tage, vor Einsendeschluss. Sie hatten, was ich brauchte.

Mehr zu dem Thema nicht vorhandener Fische im Bodensee gibt es hier:

Schwäbische Zeitung Friedrichshafen

Und jetzt das Rezept:

Für die Hollandaise 180 gr Butter solange köcheln, bis die Molke verdampft ist, danach abkühlen.

1 gewürfelte Schalotte, 3 grüne Pfefferkörner aus Kamerun, etwa 25 Paradiekörner (Pfeffer) aus Guinea, eine Fingerspitze Oregano, eine Handvoll frisch gehackter Kerbel, mit 8 EL Weißwein (Spanien), 2 EL Aceto Bianco, 2 EL Wasser und einem Spritzer Limettensaft einkochen und reduzieren auf rd. 1/4 der Menge.

3 Eigelb mit der Reduktion und der warmen Butter im Wasserbad aufschlagen.

Die Fische:

Paniermehl aus Brot, gehackten Haselnüssen und Mandeln mahlen, die Fische damit panieren und in Butter braten.

Cocktailtomaten achteln und mit einem EL Zucker karamellisieren.

Danach auf dem Wildkräutersalat mit Brunnenkresse und Blüten sowie einer Holunderblüte heiß anrichten, die Hollandaise darüber geben und Tomaten aufsetzen.

Guten Appetit.

Und danke an Stevan Paul für die Anregungen, Geschichten und die neue Sicht auf die Kunst auf dem Teller.

 

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„Mehr fotografieren, weniger Knipsen“

Die Volkshochschule Friedrichshafen bietet am Samstag, 18. März, von zum Thema „Mehr fotografieren, weniger Knipsen – mit Bildern Geschichten erzählen“. Was macht ein Bild aus, das eine Geschichte erzählt? Wann sind Bilderserien wichtiger als Einzelbilder und was will ich mit den Fotos? In dem Workshop sollen neben der Anwendung einfacher Bildgestaltungsregeln und Aufnahmetechnik vor allem die erzählende oder narrative Funktion von Fotos erarbeitet werden. Wer heute ein Selfie macht oder im Urlaub etwas fotografiert, möchte damit etwas mitteilen. Wie man Fotos zu Trägern spannender Geschichten macht, soll in diesem Workshop erarbeitet werden.  

Hier geht es zum Seminar: „Mehr fotografieren – weniger knipsen“

 

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Die Göttliche Komödie

«Ich führe Dich zur Stadt der Qualerkornen,
Ich führe dich zum wandellosen Leid,
Ich führe dich zum Volke der Verlorenen.

Ihn, der mich schuf, bewog Gerechtigkeit,
Mich gründete die Macht des Unsichtbaren,
Die erste Liebe und Allwissenheit.

Geschöpfe gibt es nicht, die vor mir waren,
Als ewige – und ewig daur‘ auch ich.
Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.»

So steht es in Dantes Comedia Divina über dem Höllentor. Schaffen die Amerikaner jetzt noch den Weg auf den Läuterungsberg oder gar weiter?

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Christina vor Dante in Florenz

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Dominic Zehle stellt aus

Mal ein Tipp für einen Kollegen:

Der Friedrichshafener Künstler Dominic Zehle stellt aus. Der Text ist veröffentlicht unter Schwäbische Zeitung Friedrichshafen

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Dominik Zehle stellt aus. Er hat so etwas wie eine Werkschau im ehemaligen Opel-Autohaus auf der Paulinenstraße 58 aufgebaut, die sonntags von 16 bis 17 Uhr geöffnet ist. Wenn jemand zu anderer Zeit kommen will, muss der Künstler angerufen werden, er wird dann zur Ausstellung kommen und sie öffnen.

Dominik Zehle zeigt Arbeiten aus verschiedenen Jahren, aus verschiedenen Arbeitsphasen und mit unterschiedlicher Technik. Das tut dieser höchst sehenswerten Ausstellung jedoch keinen Abbruch. Er ist als Maler, Bildhauer und Fotograf unterwegs, hat die Arbeiten als „Griff aus dem Topf“ zusammengestellt, und doch durchzieht die Bilderschau ein roter Faden.

Die Bilder erzählen oder initiieren Erzählungen und Geschichten im Kopf des Betrachters. „Immer, wenn Schrift in Bildern zu sehen ist, geht es um das Ende einer Beziehung“, sagt er und offenbart ein Stück seiner selbst – nicht narzistisch, sondern eher reflektierend und analytisch. Dominik Zehle beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Themen, zeigt Arbeiten, die teils plakativ den digitalen Kommunikationswahn zum Inhalt haben oder die fein und in vielen Schichten ihre Eindrücke tiefgründig hinterlassen.

Der Künstler zeigt auch seine eigenen Schichten, seine Seh- und Sichtweisen auf seine Umgebung und verlagert mit dieser Ausstellung eine Kunstaktion in ein Abrissgebäude, das damit vor seinem Ende noch einen Zweck erfüllt.

(…) Zur Finissage lädt er am Sonntag, 20. November, ebenfalls von 16 bis 17 Uhr ein. Dann gibt es auch Kaffee und Kuchen zu Dominik Zehles Bildern und Skulpturen.

Finissage am Sonntag, 20. November, 16 bis 17 Uhr, im Ex-Opel-Autohaus auf der Paulinenstraße 58 mit Kaffee und Kuchen.

Den vollständigen Text gibt es hier: Schwäbische Zeitung Friedrichshafen

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Das Konzept für Kuba

Grundsätzliches:

Schuhe sind etwas Persönliches – Privates – Intimes, etwas so Notwendiges wie die Kunst. Schuhe sind Kunst. Schuhe sind Identität, Fetisch, Symbol, Werkzeug. Schuhe sind lästig, aber auch erholsam, einengend, schaffen aber auch Möglichkeiten. Schuhe besitzen vielfältige Charaktere.

Schuhe sind Zeugen von Leid, Verfolgung und Terror. Wenn Menschen verunglücken, in Katastrophen geraten oder auf gewaltsame Weise umkommen, sind es die Schuhe, die liegen bleiben. Es sind die Schuhe, die als Zeugen von Gewalt auftreten. Die Schuhe, die im ehemaligen Zwangsarbeiterlager verrotten und von den ausgebeuteten Menschen zurückgelassen wurden. Oder die von den Faschisten weggeworfen wurden, als die Träger ihr Leben lassen mussten. Schuhe bleiben am Straßenrand liegen, wenn Abschleppwagen die Fahrzeuge wegziehen.

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Schuhe sind auch Statussymbol. Sie zeigen die mitunter nur vermeintliche Position des oder der Trägerin in der Gesellschaft. Schuhe wurden von der Bourgeoisie getragen. Das Proletariat trug sie nur zur Arbeit, Sklaven trugen keine Schuhe.

 

 

Schuhe sind Standeszeichen, auch heute noch. Menschen beurteilen Menschen aufgrund der Güte und Qualität ihrer Schuhe.

Schuhe sind Mode. Sie unterliegen modischen Ansprüchen, werden zu Objekten der Begierde, zu
Schmuck und Kunst am Körper. Sie sind Uniform einer Peergroup – an einem FKK-Strand auf Rügen kam eine junge Frau aus dem Wasser, ging auf dem Campingplatz in ihr Zelt und kam ausschließlich mit ihren dicken Boots bekleidet wieder heraus.

Menschen definieren sich über ihre Schuhe. Sie sind Stigmata einer politischen Haltung, wie sonst könnten Begrifflichkeiten wie „Turnschuhpolitiker“ für die ersten Alternativen Linken und Grünen im Deutschen Bundestag gesellschaftlich definiert werden? Schuhe sind Ausdruck fanatischen Extremismus´ bei den mit Springerstiefeln ausgerüsteten Skinheads. Sie sind Ausdruck einer politischen Ideologie und Lebensweise bei den Menschen, die in „Jesuslatschen“ laufen.

 

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Rot ist die intensivste Farbe des Farbspektrums und am längsten sichtbar. Rot ist die Farbe der Liebe, des Blutes, des Lebens, des Todes, des Krieges, der Revolution, der Macht, der Könige.

Es ist die erste und wahrscheinlich auch die letzte Farbe, die wir sehen.
Rote Schuhe haben eine mystische Bedeutung, sie erzählen Geschichten und enthalten Geschichten. Sie sind Symbol und auslösendes Moment von Phantasie.
Rote Schuhe sind ein Märchen von Hans Christian Andersen, ein Film und ein Ballett. Sie faszinieren aufgrund der Kombination von Farbe und Gegenstand. Sie sind weiblich. Rote Herrenschuhe gelten als extravagant und sind sehr selten anzutreffen, der Papst und Fußballspieler tragen welche.

Rote Damenschuhe tragen das Symbol weiblicher Erotik mit sich. Erotische Reize steigen parallell mit der Höhe der Absätze roter Damenschuhe.
In einer Kunstaktion/Performance und Ausstellung werden rote Schuhe als Spuren hinterlassen, gleichzeitig transportieren ausgestellte Fotografien von roten Schuhen ihre Geschichten an die Präsentationsorte, andere Bilder entstehen dort als endlose Geschichte.
Menschen sollen mit Schuhen umgehen, sie anziehen, darin versuchen zu laufen, sie anfassen und anschauen. Dieser Vorgang wird seinerseits wieder zu Bildern/Fotografien.

Kubanischer Musiker, eine kubanische und eine deutsche Tänzerin werden in die Perfomance einbezogen, in einem Privathaus findet ein Teil der Aktion täglich statt. Weiteres Mitwirken der kubanischen Bevölkerung sind geplant.
Das Laufen als zentrale Tätigkeit, für die die Schuhe produziert wurden, wird mit Mitteln der Malerei festgehalten. Laufen über Farbe, Laufen über Malgrund und das Hinterlassen von Spuren der laufenden Menschen werden Bildinhalte, die im öffentlichen Raum von den Individuen beeinflusst und gestaltet werden.
Mit den Arbeiten und Aktionen wird Privates öffentlich und Öffentliches privat. Es entsteht eine fremde Realität, die symbolischen Handlungen der Kunstaktionen werden visuell reflektiert. Kunst
mischt sich in das Alltägliche ein. Kunst hinterlässt Spuren im öffentlichen Raum, aber auch in der privaten Wahrnehmung durch individuelle Mitwirkung des Einzelnen. Lebensraum wird zum Laboratorium – rote Schuhe dringen in Wohnungen ein, rote Schuhe dringen in das Stadtbild ein und schaffen Quellen für Geschichten, Gedanken und Ideen.
Verfolgt man auf dem Stadtplan die Route der Installationen, so überzieht ein flächendeckendes Netz aus roten Fäden das Stadtgebiet. Dadurch wird eine Psychografie von Räumen sichtbar, in denen Individuen ihre Subjektivität sichern und gleichzeitig einen Teil von sich selbst – den Schuh,
ihre Füße, ihr Laufen – preisgeben.

Die Ausstellung, bei der Ansätze dieses Konzeptes verwirklicht wurden, fand im Januar 2006 zusamen mit der Bochumer Künstlerin Monika Ortmann in Havanna/Kuba statt. Wegen eines Hurricanes Ende Januar 2006 blieb von der Ausstellung nicht mehr übrig. Auch das ist gewisserweise ein künstlerischer Prozess. Andere Künstler setzen bewusst ihre Bilder Wind und Wetter aus.

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