Rote Schuhe

Ralf Schäfer findet in den roten Schuhen nicht nur ein tradiertes Symbol, sie sind für ihn darüber hinaus mit einer ganz persönlichen Erinnerung an die eigene Mutter verbunden: "Die roten Pumps als Symbol für Weiblichkeit, für kreischende Frauen? Rote Pumps oder rote Damenschuhe gelten nicht nur in der westlichen Welt als Symbol für weibliche Sexualität. Diese roten Schuhe, die ich zu den Protagonisten meiner Bilder mache, sind für mich darüber hinaus Symbol einer starken und selbstbewussten Frau. Meine Mutter kaufte sich die Schuhe zusammen mit einem roten Kleid, um vor rund 45 Jahren ihrem damaligen Freund den Laufpass zu geben. Danach lernte sie meinen Vater kennen."

So ist der Erwerb eben dieses Paares roter Schuhe letztlich ein Akt der Emanzipation, des Sich-Frei-Machens von einer unliebsamen Bindung, auf einer weiteren Ebene auch verknüpft mit seiner eigenen Geburt, die ohne diese Entscheidung nie stattgefunden hätte. Als seine Mutter sie dann später wegwerfen wollte, protestierte Ralf Schäfer auf das heftigste, um sie schließlich selbst zu behalten und auf all seine Reisen und Touren mitzunehmen. An bestimmten Orten, in den Bergen, am Meer, in Städten und Landschaftsräumen, an Autobahnbrücken und im Schwimmbad werden die roten Schuhe immer neu postiert und in den verschiedensten Zusammenhängen fotografisch festgehalten. Seine ganz persönliche Geschichte, sein familiärer Hintergrund verbindet sich so mit neuen Themen und Erfahrungen, stößt so in neue, zunächst noch fremde Bezüge vor. Wir als Betrachter dieser oftmals menschenleeren Bilder erinnern uns zwar an die tradierte Symbolik des weiblichen Schuhs, der ja - allemal in roter Färbung - für eine verlorene Unschuld, den Sündenfall, sexuelle Lust stehen mag. Doch ohne etwas von der persönlichen Erfahrung des Ralf Schäfer zu ahnen, entstehen auch bei uns Assoziationsketten, Geschichten, Anekdoten mit tragischen, komischen oder auch hoffnungsfrohen Ausgängen. Hat sich da etwa jemand in die Fluten gestürzt, aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit? Oder ist hier nur jemand - voller Lebensfreude und Ausgelassenheit - im Fluss oder Meer baden gegangen, die Schuhe für einen Augenblick im Trockenen auf einem Fels abstellend? Wurde hier eine Frau brutal überfahren oder hat da jemand bloß - ganz banal - beim Shopping unachtsam die neu erworbenen Pumps verloren? Verlorene Schuhe erinnern uns aber immer auch an das dramatische Geschehen eines Unfalls. Alltägliches und Außergewöhnliches, Schönes und Schreckliches rücken hier offenbar ganz nah zusammen; Tragisches und Komisches scheinen sich untrennbar ineinander zu verweben.

Ralf Schäfer nimmt diese seine oft wie zufällig entstandenen Aufnahmen selbst als Impuls für Geschichten, Sätze, die den Bildern zur Seite gestellt werden, ohne sie zu beschreiben oder intellektuell zu überfrachten. Es geht darum, in Bildern aufgeworfene Gedanken und Vorstellungen intuitiv-emotional aufzunehmen und weiterzuführen: "Als Ganzes genommen erzähle ich mit den Bildern Geschichten, transportiere sie über die Bilder und gebe über die Texte Richtungen vor. Diese Geschichten entstehen nicht als interpretatorischer Akt von Bildern, sondern finden ihre Quelle in einem nicht fassbaren Teil meines Daseins, in meinem Unterbewusstsein. Der Automatismus des Schreibens auf den Bildern wird innerhalb des Entstehungsprozesses des Gesamtprojektes zum geistigen Element."

Kunsthistoriker Dr. Christoph Kievelitz, zur Ausstellung rote-schuhe.de im Juli 2005, Bochumer Kulturrat, Kulturmagazin Lothringen